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Massensteinzeit oder wie wir die Zukunft der Schweizer Wirtschaft der Xenophobie opfern sollen

A Beautiful Mind - Mehr geniale Köpfe braucht das Land
A Beautiful Mind - Mehr geniale Köpfe braucht das Land, DreamWorks Pictures

Genau vor zwei Jahren hab ich mir den Frust von der Seele geschrieben und beschrieben wieso ich glaube die Schweiz nie ein global wichtiges Zentrum für die Hightech-Wirtschaft werden kann. Damals bekam ich auch nach intensiver Hilfe von meinem Anwalt und mit viel Beharrlichkeit keine Arbeitsbewilligung für einen Türkischen Doktoranden der ETH um mit ihm ein Startup in Zürich zu gründen.

Jetzt sitzt ich in San Francisco am Strand, dem kreativen Arm des Hightech Mekkas Silicon Valley, und schreib mir wieder mal die Frust von der Brust. Nicht weil mein Blogpost von vorletztem Jahr zwar viel Wirbel generiert hat (und openthegates.ch), aber nicht wirklich etwas daraus entstanden ist, nein auch nicht weil ich hier in San Francisco genauso nicht einfach eine Arbeitsbewilligung kriegen würde, sondern schlicht weil es eine politische Kraft in meiner Heimat gibt welche die Bedingungen für Startups und die denkende Industrie in der Schweiz noch weiter verschlimmern will. Eine Kraft welche sich die Steinzeit für die Schweiz wünscht und verblendet von ihren Ängsten von fremden Menschen die freie Sicht auf eine goldene Zukunft komplett verloren hat. Sie selber bezeichnen sich als wirtschaftsfreundliche konservative Patrioten, sind in Wahrheit aber verblendete, griesgrämige, rückständige Ignoranten welche schlicht und einfach die Schweiz in ihrer Entwicklung behindern wollen. Das schlimme daran; sie kapieren wohl nicht was sie anrichten werden wenn ihre Initiative vom Schweizer Volk angenommen würde.

Heute bietet die Schweiz seinen hier ansässigen Firmen zum Ausland gesehen relativ gute Bedingungen um zu prosperieren und sich im globalen Wettbewerb zu behaupten. Leider gib es an dieser Stelle anzumerken, dass sich die Wirtschaftselite auch hier wenig um den Nachwuchs kümmert, solange der Profit in den eigenen Kassen stimmt und der Franken rollt. Hier gilt es genau so primär die Wirtschaftsinteressen der Mächtigen und bereits Grossen zu schützen und viel weniger um das mögliche Breite Potential der Massen abzurufen. Anyway; Wir Schweizer und Schweizerinnen sind zwar manchmal etwas langsam und wohl auch nicht die kreativsten Menschen auf diesem Planeten, aber viele von uns sind meiner Meinung nach ziemlich schlau und sehr fleissig.

Noch sind wir top wenn es um die Denksportaufgaben geht welche es zu erledigen gibt und wir sind darin wohl top geworden weil wir abgesehen von ein paar spitzigen und grausam schönen Bergen welche sich zum Ski fahren eignen nichts anderes haben als unsere Köpfe. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Aus der Not wurde eine Tugend und so hat sich unsere Wirtschaft in den Forschungsintensiven Branchen und dem Dienstleistungs-Sektor breit gemacht. Wir leben bildlich gesprochen schlicht und einfach vom Denken. Unsere Wirtschaft lebt massgeblich davon dass sich kluge Köpfe neue Dinge ausdenken welche sich auf der Welt, oder meistens den Deutschen, verkaufen lassen (eine andere Geschichte). Denken ist der Schweizer Wirtschaftssauerstoff und schlaue Köpfe sind die Herzen welche das Blut durch dessen Venen pumpen.

Aus ganz unterschiedlichen Gründen haben leider nicht alle der Acht Millionen in der Schweiz lebenden Menschen die gleichen Möglichkeiten, den Antrieb oder schlicht und einfach die Lust sich kluge Dinge auszudenken. Es müssen sich meiner Meinung nach auch nicht alle unternehmerisch betätigen, aber wenn wir mit dem Denk-Unternehmerthum in der Schweiz nicht besser werden, ist es dann bald mal vorbei mit Wohlstand und Reichtum. Oder es wird zumindest beachtlich düsterer. Wieso ich mir dabei so sicher bin und wieso ich es absolut zentral finde das wir schnell und radikal die Standortvorteile in der Schweiz aufmöbeln möchte ich hiermit illustrieren.

Wissen für alle ist die Realität und nicht die Zukunft

Nicht alle Menschen denken gleich gut und gleich kreativ. Das gilt bei uns in der Schweiz und überall in der ganzen Welt. Wir Menschen sind zwar alle gleich, aber eben dennoch alle ganz unterschiedlich. Viel von unseren Denkmöglichkeiten hängt davon ab wie viel Zugang wir zum Gedachten unserer Vorfahren haben und wie viel uns davon uns in jungen Jahren vermittelt wurde. Der Zugang zum Wissen der eigenen Bevölkerung ist einer der wichtigsten Standortfaktoren für die Denksport-Industriezweige einer Volkswirtschaft.

Mittlerweile sind viele Volkswirtschaften dieses Planeten komplett vernetzt miteinander. Klar gibt es noch einige stark geschützte Wirtschaftssektoren, wie zum Beispiel die Landwirtschaft, aber ein beachtlicher Teil unser Firmen konkurrenzieren schon längst nicht mehr nur die Firmen aus der eigenen Region oder dem eignend Land. Der globale Wettbewerb hat unsere KMU's mit voller Wucht erfasst und viele von ihnen konkurrenzieren nicht nur Firmen aus Europa sondern befinden sich längst im Globalen Wettstreit. Am krassesten sieht man dies bei Internet-Startups, aber auch in vielen anderen Dienstleistungsbereichen (ich sag euch nur: Sagt hallo zu ODesk, macht Euch mal auf was gefasst liebe Kollegen und Kolleginnen in der Dienstleistungsbranche). Wenn Du heute eine gute Internet-Idee hast, hast du aber garantiert innerhalb von wenigen Monaten mächtig viel Konkurrenz und aller meistens gibt es irgendwo auf der Welt schon jemand der die gleiche Idee verfolgt. Ich persönlich finde die Globalisierung hat sehr viele Vorteile. So können wir hoffentlich einen friedlicheren Planeten bauen, viele Menschen aus der Armut befreien und gegenseitig von den unterschiedlichsten Kulturen lernen. Aber die globalisierte Hirtleistungswirtschaft hat ganz entscheidende Auswirkungen auf unsere Firmen in der Schweiz und ich befürchte wir verpassen zu erkennen wie heftig diese Auswirkungen sein werden.

Denn im globalen Denksportwettbewerb gewinnt nur wer die hellsten Köpfe im Team hat. Und helle Köpfe gibt es nicht nur in der Schweiz sondern an vielen Orten dieser Welt und es gibt immer mehr davon und vor allem immer mehr aus Regionen wo die Leute historisch gesehen keinen all zu guten Zugang zu Wissen gehabt haben. Zur Illustration folgendes Gedankenspiel: Wenn wir davon ausgehen dass das Internet in so genannten Zweit und Dritt Weltstaaten im Vergleich zu uns mit etwas Verspätung die breite Bevölkerung erreicht hat und wir die Schwelle zum Mainstream auf 2003 setzen, dann sind die Jungs und Mädels welche vor 10 Jahren auf die Welt gekommen spätestens in 10 Jahren im Arbeitsfähigen Alter. Diese Generation hat verglichen zu anderen Generationen in ihren Herkunftsländern einen ganz anderen Zugang zum Wissen unserer Vorfahren, denn eben sie haben das Internet zur Hand! Es entsteht in den BRIC und anderen Schwellenländern eine ganz neue Generation von Denker und Denkerinnen. Im Internet Untergrund kann man das meiner Meinung nach schon ziemlich stark spüren. Es gibt viele Nerd Innovationen, erfolgreiche Hacker und ziemlich coole Projekte aus Staaten wie Nigeria, Brasilien, Russland oder China. Die Leute aus den Ländern sind genau so schlau wie wir, dank Opensource und Openknowledge haben sie Zugang zu den gleichen Werkzeugen und dem gleichen Wissen wie wir. Sie leben oft in einem harten Umfeld und sind darum bereit nicht nur viel zu Denken sondern auch bis zum Umfallen zu arbeiten und sie sind grausam hungrig nach Erfolg und Anerkennung.

Nun stellt sich die Frage: wollen wir die besten dieser Leute konkurrenzieren oder wollen wir sie einbinden und zu unseren Freunden machen?

Und jetzt? Na und sind wir halt etwas weniger Wettbewerbsfähig

So what? Ihr Internet-Jungs könnt die Leute ja im Ausland anstellen und in den Schwellenländern Büros gründen. Ja können wir, machen auch einige von uns, aber meistens erst wenn sie eine gewisse Grösse erreicht haben. Startups haben andere Probleme als sich um Ausländische Bürokratie und Grenzhürden zu kümmern. Startups brauchen das Gruppenkuschelgefühl und schlicht einfach in Ruhe und mit voller Energie sich auf die Aufgabe konzentrieren zu können. Nearshoring und Offshoring sind eine tolle Sache für etablierte Firmen, aber meiner Meinung nach nur teilweise eine wirkliche Option für Startups.

Zu dem brauchen wir in der Schweiz extrem viele neue Programmierer und Programmiererinnen, Schätzungen gehen von mindestens 30'000 Fachkräften aus, und nicht alle wie die UBS können es sich leisten in den Philippinen ein Büro aufzumachen um ein paar Hundert Programmierer anzustellen. Ich kenne sehr viele Konkurrenten und Partnerfirmen von uns welche ProgrammiererInnen suchen. Firmen welche keine Programmierer suchen sind in der Minderheit.

Wie wollen wir also mehr Talente in unsere Denksport-Industrie einbeziehen? Meiner Meinung brauchen wir die Leute aus dem Ausland und meiner Meinung nach haben wir auch den Platz um diese Leute in der Schweiz unterzubringen. Dazu braucht es aber endlich einen überkantonalen Plan wie wir das Mittelland intelligent, sprich ziemlich verdichtet und in die Höhe, zubauen wollen und wie wir gemeinsam und nicht jeder Kanton für sich alleine die Leute aus dem Ausland anwerben wollen.

Wie wäre es wenn wir einen Schweizer Startup Fonds einrichten würden welchen allen aussereuropäischen Gründer und Gründerinnen 50'000 Schweizer Franken Boost-Kapital geben würde? Wie wäre es wenn wir den besten Kryptografen und Verschlüsslungsspezialistinnen der Welt einen Freipass für Unternehmensgründungen geben würden?

Leute wir brauchen die Talente, ansonsten verlieren wir den Anschluss und vor allem verlieren wir eine gigantische Chance.

Natürlich hat das Abwerben von Fachkräften im Ausland seine sehr negativen Auswirkungen. Wir behindern die Ländern in ihrer eigenen Entwicklung und unterstützen den Braindrain. Ein Problem zu dem ich persönlich noch keine wirkliche Meinung habe und auch kein wirkliches Problem. Aber interessant ist es in Deutschland die Diskussion zu diesem Thema zu verfolgen. Ich glaube auch das sich die Arbeitsmigration praktisch nicht aufhalten lässt, es sie immer gab und auch immer geben wird.

Zu dem gibt es anzumerken, das selbst sehr erfolgreiche Migratinnenntinnen oft nach ein paar Jahren in ihre Heimatländer zurückkehren möchten und wir somit sozusagen rückwärts gerichtet noch besser ausgebildeter und erfahrene Arbeitskräfte exportieren können. Und zu letzt gibt's noch dieses Zitat anzufügen:

„Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.“ - Max Frisch

Link-Liste:

NZZ: Administrativer Aufwand für die Wirtschaft - 2000 bis 3000 Franken pro Arbeitsbewilligung

FAZ: Arbeitnehmerfreizügigkeit - Arbeitskräfte willkommen

Mein Blog von 2012:
WIESO DIE SCHWEIZ NIE EIN SILICON VALLEY KRIEGEN WIRD ODER «THE STORY OF EMRE SARIGOL»